GESCHICHTE

VTG-Inzing - 300 Jahre Theater in Inzing

Ein Fest von ganz seltener Art feierte am Sonntag die Oberinntaler Gemeinde Inzing. Seit 250 Jahren wird in dieser Gemeinde auf kulturellem Gebiet Hervorragendes geleistet, was gerade auf dem Theaterwesen besonders zum Ausdruck kommt. Das Volksstück Franz Kranewitter's "Um Haus und Hof" als Jubiläumsaufführung wurde zu einem durchschlagenden Erfolg. Nicht allein das Theaterblut, dass in allen Inzingern rollt, sondern auch die Liebe zu Heimat und Brauchtum kennzeichneten den Spielverlauf.
Soweit ein Zeitungsartikel aus dem Jahre 1956 anlässlich der 250-Jahr-Feier der Volkstheatergesellschaft Inzing, der besagt wie bedeutend und selten eine derartige und weit zurückgehende Theatertradition für ein kleines Dorf wie Inzing war.
Bereits im 17. Jahrhundert war Inzing als Wallfahrtsort bekannt. Der Wiltener Chorherr Ignaz Zach schrieb 1667 für die Inzinger ein Weihnachtsspiel und auch ein Rosenkranzspiel. Nachweislich wurden diese Stücke in den Jahren 1720, 1723, 1724, 1751 und 1791 gespielt. Eine Aufführung des Rosenkranzspieles im Freien wird mit 1724 datiert, dazu diente die Tenne des Wannerhauses als Bühne und der Hof als Zuschauerraum.
Bis in das Jahr 1850 erlebte Inzing eine Hochblüte des "Geistlichen Schauspiels" welche die Entwicklung des heutigen Vereines maßgeblich beeinflusste. Mit der Wende zum 20. Jahrhundert erreichte das Theaterdorf Inzing vor allem mit seinen Mirakel- und Heiligenspielen, die auch Stubenspiele genannt wurden, große Bekanntheit. Bereits zu dieser Zeit erfreuten die zu Ehren des Hl. Nikolaus, der Hl. Genoveva, des Hl. Nepomuk usw. aufgeführten Stücke die Zuschauer aus Nah und Fern. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann die Spielgesellschaft Inzing ein "Vormerkbuch" über Versammlungen und Theatertätigkeiten zu führen.

Auszug aus dem Protokollbuch vom 18. November 1899. Mitglieder des damaligen "Comite" waren Direktor Schärmer Peter Paul, Alois Schärmer, Wanner Josef Wirt, Haller Josef und Schneitter Bernhard. Durch diese anfänglich einfachen aber regelmäßigen Aufzeichnungen in den Protokollen der Spielgesellschaft kann das Spielgeschehen ab dieser Zeit beinahe lückenlos zurückverfolgt werden. Das erste in den Aufzeichnungen angeführte Stück war im Jahre 1897 "Die Räuber am Glockenhof", welches auch in späterer Zeit des Öfteren zur Aufführung kam.
Im Jahre 1902 begann mit dem Bau eines Theatersaales im Gasthof Wanner eine neue Ära der Spielgemeinschaft. Zahlreiche Stücke, bei denen auch mehrere Personen beteiligt waren, konnten nun zur Aufführung gebracht werden. "Der Geist des gemordeten Markenstein" war das Premierenstück im neuerbauten Theatersaal.
(Markt Mali, Walcher Ferdl, Mariner Sebastian, Lederle Josef, Schärmer Peter Paul, Zimmermann Anna, Oberthanner Anna (Nuna), Vent Daniel, Ziegler Josef?, Walch Tona, Schärmer Alois, ?, Kneisl Julie und Witsch Alois)

In den folgenden Jahren wurden diverse Heiligenspiele (Josefs Brüder, Vaterunser am heiligen Christabend, Weihnachtsfestspiel mit Hl. drei Könige usw.) und andere Stücke wie "Genoveva - Markgräfin am Rhein", "Die Räuber auf Maria Kulm" dargeboten. Im Jahr 1907 wagten sich die Inzinger erstmals an die Aufführung eines Passionsspiels von Dr. G. Berberich (Rektor des erzbischöflichen Konviktes in Tauberbischofsheim) heran. Diese Passionsspiele wurden 1910 und 1927 noch einmal mit überaus großem Erfolg wiederholt. Stolz waren die Inzinger auf den Besuch des geschätzten Erzherzog Eugen und des Fürsterzbischof Sigismund Waitz, welche den Weg nach Inzing fanden. Bei den Passionsspielen 1927 wirkten 105 Personen als Schauspieler, ein dreistimmiger Frauenchor (4 Soprane und 4 Alt) und ein Streichorchester mit 18 Personen mit, was besonders bemerkenswert war, da Inzing in diesem Jahr nur 955 Einwohner zählte. Die Oberaufsicht übernahm der hochwürdige Herr Pfarrer Jakob Schreier, die Spielleitung oblag Peter Paul Schärmer (Kastler, 1871 - 1939), die musikalische Leitung hatten Johann Steiner (Oberlehrer) und Hermann Oberthanner (Kapellmeister) inne und die Bühnenaufsicht übenahm Johann Kratzer. Die Preise im Jahre 1927 waren folgende: Sperr-(Polster-)Sitz 4 Schilling, Balkonsitz 3 Schilling, 1. Sitzplatz 3 Schilling, 2. Sitzplatz 2 Schilling, 3. Sitzplatz 1 Schilling.

Die wohl wichtigsten Personen bei den Passionsspielen waren ohne Zweifel Schärmer Peter Paul (Judas), der die Spielleitung inne hatte und auch für die Bauten und Organisation verantwortlich war, und Vent Daniel (Christus),der seine Rolle nicht nur spielte, sondern lebte.

Vent Daniel sagte einmal als Christus am Kreuze hängend anstelle "es ist vollbracht" (er sah in den tiefen Ausschnitt von Maria Magdalena) "es ist prachtvoll".
Ein weiteres Großereignis folgte bereits im Jahr 1929 mit der Freilichtaufführung der Ereignisse vom Sturmjahr 1809 in Inzing. Der Text zu dem Stück "Land Tirol" stammt von Peter Paul Schärmer. Die Musik von Prof. Skop. Hauptthema war die Eroberung des französischen Legionsadlers durch die Inzinger Schützen. Dieses Vorhaben überbot alles bisher dagewesene, wenn man bedenkt, mit welchem Einsatz die Inzinger an die Verwirklichung dieses Stückes gingen. Für diesen Zweck wurde eine Wiese in der heutigen Bahnstraße adaptiert und mit viel Fleiß die Kulisse eines Dorfes um das Jahr 1809 erbaut. Ausserdem wurde ein Zuschauerraum errichtet der 700 Personen Platz bot. Erstaunlicher umso mehr, als alle künstlerischen und handwerklichen Arbeiten Einwohner aus Inzing erbrachten. Leider verfolgte das Dorf in diesem Jahr großes Unglück - innerhalb weniger Wochen brach zweimal eine Mure über die Gemeinde herein. Trotzdem konnte dieses große Vorhaben der Freilichtspiele, welches die Volkstheatergesellschaft Inzing zugunsten der heimischen Schützengilde spielte, über die Bühne gebracht werden. In weiterer Folge wandte sich die Spielgemeinschaft dem Volksschauspiel zu, wobei der rührige Spielleiter Peter Paul Schärmer eigene Stücke in das vielfältige Programm einbauen konnte. Mit dem Stück "Der Kanzler von Tirol" aufgeführt im Mai und Juni 1936 gab man auch ein Gastspiel in Kramsach. Wie erfolgreich die Inzinger dort waren zeigt ein Ausschnitt aus den Aufzeichnungen Peter Paul Schärmers: "Am 12. Juli gaben wir zwei Gastspiele in Kramsach Unterinntal, da war der Besuch so groß, dass man hunderte von Besuchern abschieben musste. Die Befriedigung war nicht zu beschreiben mit Kränzen und Blumenbuketts und Körben wurden die Spieler beschenkt und belangt das man es noch mal geben möchte. Die Einnahmen überstiegen jene von Inzing." In der Zeit des 2. Weltkrieges musste der Spielbetrieb unter Franz Gstrein (1895 - 1941) nach drei Stücken abgebrochen werden. Trotz aller Not wurde 1945 unter der Leitung von Paul Schatz sen. (Sogeler, 1888 - 1964) das Stück der "Gmoalump" zugunsten der Musikkapelle Inzing gespielt. Bereits im Oktober 1945 berief Max Schärmer (Kastler, 1895 - 1968) eine Versammlung der Theatergesellschaft ein. Beschlossen wurde die Wiederaufnahme der Spieltätigkeit, die Wahl eines Obmannes und eines provisorischen Ausschusses. Unter dem neuen Obmann Lederle Josef und Spielleiter Max Schärmer kam im November 1945 das Stück "Die Mondseewirtin oder das weiße Rössl" zur Aufführung. Obwohl die meisten Spieler nach dem Krieg selbst nicht viel besaßen, spendeten sie aus den Einnahmen 1000 RM zugunsten der abgebrannten Gemeinde Grins bei Landeck. Dieses soziale Engagement wurde in den folgenden Nachkriegsjahren beibehalten und dabei verschiedene Institutionen (Heimkehrer, Kriegerwitwen, Schützen, Musik usw.) unterstützt. Wie wichtig die Unterhaltung durch die Spielgemeinschaft war, zeigte der überaus große Zustrom an Zuschauern bei den Aufführungen. Nicht selten endeten die Vorstellungen bei einem vergnüglichen Tanz zu dem die Theatermusik unter Leitung von Hermann (1898 - 1990) und Pepi Oberthanner (1925 - 1970) aufspielte.

"Liebe nach Paragraphen" oder "Vorsicht Simmerl die Liab geht um" von H. Lellis

Aufführungen: 26.9. - 24.10.1954
(vorne: Sailer Heinz, Leitner Maria, Grießer Hans - hinten: Schatz Hubert, Kneisl Marie, Gstrein Otto, Mayer Tilli, Schatz Paul jun., Walcher Hermann, Plunser Pepi)

Der Verein wurde 1946 neu gegründet und am 2.2.1946 von der Sicherheitsdirektion (franz. Militärregierung) genehmigt. Seit dieser Zeit trägt er offiziell den Namen "Volkstheatergesellschaft Inzing". Mit Übernahme der Spielleitung durch Paul Schatz sen. erlebte das Theater in Inzing in den fünziger Jahren eine neue Hochblüte. Abwechselnd standen heitere ("Seine Majestät der Dickschädel", "Liebe nach Paragraphen oder Vorsicht Simmerl die Liab geht um" oder "Der Etappenhas") und ernste Stücke ("An seines Kindes Grab", "Das unheilige Haus" oder "Am Tage des Gerichts") auf dem Programm. Im Jahr 1955 wurde das bereits 1922 aufgeführte "Weihnachtsspiel" von Daniel Vent (Pfriller, 1879 - 1966) mit beachtlichem Erfolg gespielt.

"Weihnachtsspiel" von Vent Daniel (Pfriller)

Aufführungen: 26.12.1954 - 6.1.1955
(Beiler Franz, Griesser Paul, Kirchmaier Hans, Schatz Hubert, Leismüller Leni, Beiler Annemarie, Mayer Otmar jun., Schatz Paul sen., Walch Hermann)

Dieses Stück wurde vom Autor Daniel Vent der Schützenkompanie Inzing zum Geschenk gemacht. Im Jahr 1956 feierte die Volkstheatergesellschaft Inzing 250 Jahre Theater in Inzing.



Mit dem Umbau des Theatersaales beim Wannerwirt endete mit der Aufführung des Stückes "Die Geierwally" am 22. April 1957 ein 1/4 Jahrtausend Theatertätigkeit in Inzing. Als letztes Stück spielten die Inzinger "Um Haus und Hof" von Kranewitter am 1. und 8. März 1959 in Polling und am 15. März 1959 bei den 1. Oberinntaler Volksspielwochen in Haiming (2. Platz).


(Tiroler Nachrichten - 6. April 1959)

Der Wiederaufnahme des Spielgeschehens im Jahre 1996 gingen jahrzehntelange Verhandlungen mit Gastwirten (Wanner und Hirschberger) und der Gemeinde Inzing voraus. In diesen Jahren bemühte sich der damalige Obmann Josef Schärmer (Kastler, geb. 1924) immer wieder eine Heimat für das Theater zu finden. Erst mit dem Bau der neuen Volksschule mit Mehrzwecksaal konnte das Spielgeschehen der Volkstheatergesellschaft Inzing mit dem Stück "Chiemzing" von Josef Schärmer unter der Regie von Karl Schatz (Zirl) wiederbelebt werden.

"Chiemzing" von Josef Schärmer (Kastler)

Aufführungen: 22. - 24.11.1996
(Schärmer Josef, Haslwanter Willi, Haslwanter Elisabeth, Schatz Karl - Zirl, Schatz Peter)
Mit diesem Wiederbeginn änderte sich viel in der Vereinsstruktur. Unter Obmann Peter Schatz (Sogeler, geb. 1962) wurden erstmals Frauen als Mitglieder aufgenommen und auch in den Vereinsvorstand gewählt. Es wurde versucht jedes Jahr ein neues Stück zu spielen, was in Anbetracht der geringen Anzahl an spielfreudigen Inzingern nicht immer leicht war. (Weitere Details zum Spielgeschehen seit 1996 können in der "Aktuellen Seite" nachgelesen werden).

Kriegerdenkmal:
Den Mitgliedern der Volkstheatergesellschaft Inzing war es ein Anliegen zum Andenken an die im Weltkrieg 1914 - 1918 gefallenen Söhne der Gemeinde ein Denkmal zu errichten. Das vom Absamer Bildhauer Obleitner geschaffene Modell zum Relief wurde von der Gießerei Knittel in Innsbruck gegossen. Die feierliche Einweihung erfolgte am 1. November 1923.

Obmänner bzw. Spielleiter welche die VTG-Inzing prägten:
 


Schärmer Peter Paul (Kastler - 1871-1939)
Obmann bis 1939

Der Kastler war bis zu seinem Tod über 40 Jahre Leiter des Vereines. Er schrieb auch einige Stücke und spielte oft und gerne die Hauptrolle. Sogar im Tiroler Landestheater konnte er eine Hauptrolle im Stück "Der Müller und sein Kind" spielen.


Schatz Paul sen. (Sogeler - 1888-1964)
Obmann vom 25.2.1951 bis 30.1.1959

Der Sogeler Paul sen. verhalf der Spielgesellschaft nach dem 2. Weltkrieg zu einer Hochblüte und verstand es auch seine Spieler immer wieder für neue Stücke zu begeistern, die auch außerhalb des Dorfes großen Anklang fanden. Außerdem war der Paul auch selbst ein guter Schauspieler, der sein Publikum immer wieder zum Lachen brachte.


Schärmer Josef (Kastler - geb. 1924)
Obmann vom 12.7.1968 bis 19.3.1990

In der langen Durststrecke nach Abbruch des Theatersaales beim Wanner-Wirt, bemühte sich der Kastler Pepi immer wieder eine Heimat für den Verein zu finden. Ihm war es zu verdanken, dass die Volkstheatergesellschaft Inzing fortbestehen konnte.


Schatz Peter (Sogeler - geb. 1962)
Obmann vom 19.3.1990 bis 2.6.2003

Seine Familie blickt auf eine lange Theatertradition zurück. Dies war sicher für den Sogeler Peter immer wieder Ansporn genug eine Möglichkeit zu finden das Spielgeschehen wieder aufzunehmen. Seine Bemühungen wurden im November 1996 mit der Premiere von "Chiemzing", wo er auch selbst als Schauspieler fungierte, belohnt.
12. September 2005 - Adele und Peter Schatz

(Textquellen: Aufzeichnungen der Volkstheatergesellschaft Inzing, Artikel von Hans Oberthanner Fotos: Archiv Peter Schatz)